radical architecture III: processing uncertainty

Eins ist sicher: Wir sind unsicher. Dass man dies nicht nur offen zugibt, sondern sogar als Chance begreift und zu nutzen versucht, ist im Diskurs über Architektur und Stadtplanung wohl eher selten anzutreffen. ,processing uncertainty’ sieht jedoch genau an dieser Stelle einen Paradigmenwechsel, der sich abseits der glamourösen Stararchitektur vollzieht: Es werden Positionen vorgestellt, die sich der Unsicherheit nicht als Störung, sondern als Potenzial widmen. Dabei fällt auf, dass es nicht mehr die klassischen Architekten oder ,Planer‘, sondern überwiegend Soziologen, Künstler, Theater- und Filmemacher sind, die neue Sichtweisen und Perspektiven zum Thema Urbanität erarbeiten. Ob die vorgestellten Arbeiten, die allesamt einen konstruktiven Umgang mit Unwägbarkeiten anstreben, wirklich einen möglichen Ausweg aus der drohenden Handlungsunfähigkeit des klassischen Planers zeigen, ist eine der Fragen, der sich die Ausstellung annimmt.

Henri Lefebvre beschreibt das Urbane als komplexe ”Verstädterung von Gesellschaft“. Als gesellschaftliches Phänomen kann das Urbane weder als geschlossenes System definiert noch in Fragmenten analysiert werden. Der Begriff der „verstädterten Gesellschaft“ umfasst – anders als die auf Teilaspekte reduzierten Begriffe wie ”Freizeitgesellschaft“ oder ”Informationsgesellschaft“ – soziale Beziehungen, Dichte, Handel, Produktion, Kommunikation, Technik, Geschichte etc. sowie die Materialisierung all dieser Begriffe.
Raum ist dann nicht ein Gegebenes an sich, sondern etwas, das in der Zeit und in der sozialen Bewegung produziert wird. Deshalb ist auch die Frage nach den Vektoren, die wie ein blinder Fleck in die Architektur hinein zu ragen scheinen, zur Analyse des Urbanen unabdingbar: Warum ist ein bestimmter Raum auf bestimmte Weise konzipiert? Welche Verhaltensweisen werden durch Raum nahe gelegt oder erzwungen und welche Interessen spielen in die Raumordnung hinein?

,An Architektur‘ befasst sich in den themenbezogenen Heften mit gebautem Raum, der sich nicht mehr auf die formale und materielle Konstruktion beschränkt. Im Vordergrund stehen viel mehr die ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Parameter und deren Einfluss auf die Entstehung und den Gebrauch von Stadt und Raum – dynamische Faktoren, denen mit herkömmlichen Planungsinstrumenten kaum beizukommen ist, die aber maßgeblich unseren Alltag gestalten.
Als Hort bürgerlicher Emanzipation, kultureller Vielfalt und ökonomischer Innovation gilt die europäische Stadt bis heute als erfolgreiches Exportmodell. Die UN prognostiziert bis zum Jahr 2015 die Entstehung von 33 Megastädten mit je mehr als acht Millionen Einwohnern, 27 von ihnen werden in so genannten Entwicklungsländern liegen. Aufgrund deren Charakteristika der Unkontrollierbarkeit und des chaotischen Wachstums hinterfragt ,metroZones‘ die Zukunftsfähigkeit des Modells der ”europäischen Stadt“: Wird dieses städtebauliche, kulturelle und organisatorische Modell auf eine eher unbedeutende regionale Variante zurückgestuft werden? Wie wird sich die europäische Stadt unter den Einflüssen von Migration und wirtschaftlicher Umstrukturierung verändern? ,Multiplicity‘ sieht in der Beschäftigung mit diesen energiereichen und schwer zu beherrschenden Regionen die Möglichkeit, der Architektur ihre gesellschaftliche Relevanz wiederzugeben.

Die Entstehung zunehmend großer Brachflächen, Leerstände in Alt- und Neubau und eine Unmenge an Planung ohne Umsetzung führen zur Verunsicherung der Planer, die um die Effektivität ihrer gewohnten Instrumente fürchten. ,Hier entsteht‘ und ,Studio Urban Catalyst‘ erkennen in den vielfältigen Strategien der Selbstorganisation und Partizipation neue Formen der Aneignung von Raum, einer Stadtentwicklung, die sich abseits von verordneten Regelwerken längst in scheinbar unbeachteten Räumen etabliert hat. Zwischennutzungen konstituieren die politischen und sozialen Bedingungen von Architektur und Stadt neu. Die Stadt wird konsequent nicht als materielles Objekt, sondern als Ort alltäglicher oder besonderer Erfahrung gelesen. Es stellt sich die Frage, ob in den Improvisationen der Alltagspraxis bereits die Potenziale für eine Neuorientierung begründet liegen. Dies würde die These stützen, dass es darum geht, diesen Alltag neu lesbar zu machen.
Als Test- oder Laboranordnung ist es das Ziel der Ausstellung, den Diskurs zunächst als schriftliches Denken zu begreifen, vor allem aber durch die praktische Artikulation das Design von Ideen und Modellen, die Erfahrung nicht nur mitzuteilen, sondern auch hervorzurufen.

Die Frage nach dem Urbanen kann nicht abschließend geklärt werden. Doch ist es möglich Fragen neu zu stellen: Wie können gesellschaftliche Ordnungen als Möglichkeiten politischen Handelns sichtbar gemacht werden? Welche Beurteilungskriterien liegen dem zugrunde? Oder wie ,tetrapak‘ zu Recht fragen: Was ist der Erfolg solcher Projekte, die sich im Kontext von Kunst und Kultur bewegen und politische, soziale oder gesellschaftliche Themen nicht nur bildlich, sondern mit Hilfe von Theorie, Textproduktion, Wissenschaft und Aktion bearbeiten? Was ist der künstlerische, der politische, der praktische Effekt?
Das Anliegen von ,processing uncertainty‘ ist es, gerade dort neue Perspektiven aufzuzeigen, wo die Rahmenbedingungen jegliche Entwicklung zu behindern scheinen. So beschreiben die vorgestellten Arbeitsmaterialien eher den Prozess als das Ergebnis. Das Spektrum zeigt unterschiedliche Handlungsansätze und Vorgehensweisen im konstruktiven Umgang mit den Unsicherheiten, mit denen wir uns zukünftig verstärkt beschäftigen werden müssen.
Diese Prozesshaftigkeit kann nicht zuletzt als eine Metapher des Lebens im Allgemeinen aufgefasst werden. Oder, um mit ,Big Business‘ zu sprechen, wo gebaut wird, muss auch mal was abgerissen werden.


bernd kniess christopher dell